Stanniolmalerei am Giebel des „Weißen Schwanen“ in Thurnau
Was kann uns dieser schön gestaltete Schiefergiebel mit Blick zum Thurnauer Schloss sagen? Wenn wir genau hinschauen, was wir unbedingt tun sollten, erkennt man auf den Schiefern ganz schwach eine gewisse Ornamentik. Die schwach erkennbaren Ornamente sind die Negative einer Stanniolmalerei aus dem 18. oder 19. Jahrhundert.
Ornamentale Gestaltungen an Schiefergiebeln sind bereits aus dem 17. / 18. Jahrhundert bekannt. Schieferdecker (Leyendecker) führten solche Verzierungen zu Repräsentations- und Verkaufszwecken aus. Schriftlichen Überlieferungen ist zu entnehmen, dass Dachdecker dekorative und florale Gestaltungen aufbrachten, um für ihre Arbeit im dörflichen oder städtischen Bereich an gut sichtbaren Schieferflächen zu werben.
Die Stanniolmalerei wird seit über 100 Jahren nicht mehr ausgeführt und droht somit, in Vergessenheit zu geraten. Im Frankenwald, im angrenzenden Thüringer Wald und besonders im Coburger Land findet man noch heute beim genauen Hinschauen alte, verschieferte Giebel oder Fassaden mit verblasster Stanniolmalerei, die sich als „Negative“ abzeichnen. „Negative“ deshalb, weil, die Schiefer unter den Stanniolmustern im Laufe Jahre weniger verwitterten als die Schiefer, die der Witterung direkt ausgesetzt waren. Einige dieser dekorativ gestalteten Schieferflächen besonders in Oberfranken wurden im 20. Jahrhundert mit einer bleiweißhaltigen Ölfarbe abgefasst bzw. nachgestrichen.
Im Dachboden des "Weißen Schwanen" waren noch Schiefer auffindbar, bei denen Stanniol (Zinnfolie) vorhanden ist.
„Die Dekorformen, die in der Technik der Stanniolmalerei ausgeführt wurden, sind sowohl formal als auch thematisch und motivisch nahezu identisch mit denjenigen der Weißmalerei. Es ist folglich sinnvoll, beide Techniken gemeinsam abzuhandeln und übergreifend als 'Schiefermalerei' zu bezeichnen“.
Da scheint sich etwas sehr Spannendes zu verstecken. Das soll alles in die Abrisstonne?
Wenn alte Technik in neuem Glanz erstrahlt
In Hollfeld wurde 2009 ein alter Schiefergiebel aus dem Jahr 1725 restauratorisch überarbeitet und wieder hergestellt. Das ist auch ein spannender Thema über Metallvorlegearbeiten in der Disziplin der Restaurierungswissenschaften, zum Beispiel am KTWD in Bamberg!
Der erste Arbeitsgang bei der Herstellung von Stanniolarbeiten bestand darin, dass sich der Schieferdecker Papp- und Papierschablonen mit verschiedenen Motiven anfertigte. Die Ornamente hat er in der Regel freihändig aufgezeichnet oder von vorhandenen Vorlagen durchgepaust. Beim nächsten Arbeitsgang wurden die Pappschablonen auf reines Stanniolpapier (Zinnfolie) gedrückt und die Umrisse mit einem scharfen spitzen Messer ausgeschnitten. Als Unterlage diente ein gehobeltes Lindenholzbrett (weiches Holz). Größere Motive bestanden meist aus mehreren Teilen.
„Als nächstes übertrug er die Pappschablonenformen auf die Schieferfläche am Gebäude, indem er die Pappe an die Wand drückte und mit einer eisernen Reißnadel deren Umrisse auf den Schiefer übertrug. Die umrissenen Flächen bestrich man dann mit Leinölfirnis, der als Klebemittel diente und drückte mit einem dicken, kurzborstigen Pinsel die ausgeschnittenen Stanniolfolien auf die Schieferfläche. Eventuelle Blasen strich man vorsichtig aus. Die aufgeklebten Figuren wurden abschließend, bis zur Fertigstellung der Fassade, mit Papier oder Pappe abgesichert“.
Nachdem der Leinölfirnis lufttrocken geworden war, hatten Schiefer und Stanniol eine feste Verbindung. Da Stanniol nur sehr langsam oxidiert, dauerte es je nach Witterungs- und Umwelteinflüssen sehr lange, bis die Verzierungen dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen. Überliefert ist auch, dass die geschmückten Schieferfassaden früher alle 20 Jahre zur Konservierung mit heißem Leinöl eingelassen wurden. 112
Aus „Malerei am Schieferhaus“ aus dem Buch „Gebäude im Schieferkleid“ von Margit Seuling und Siegfried Scheidig Heimatkundliches Jahrbuch des Landkreises Kronach 22/1999
An dem fast 300 Jahre alten Schiefergiebel in Hollfeld hatte der Zahn der Zeit genagt. Einige Fehlstellen an den Giebelkanten und um das Fenster waren für die Funktion der Fassade von Nachteil. Viele Schiefer hatten sich bereits aus der Fassade gelöst und es konnte Schlagregen eindringen. Die beiden unteren Gebinde der Schiefereindeckung und die Schiefer der Simsabdeckung wurden wahrscheinlich bei einer Reparatur Mitte des 20. Jahrhunderts erneuert, ohne auf die historische Bedeutung zu achten. Außer auf diesen beiden unteren Gebinden waren jedoch Ornamente und florale Darstellungen noch gut zu erkennen.
Im Zuge der Gesamtsanierung dieses Objektes sollte unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten der Schiefergiebel erhalten bleiben. Ein großer Teil der Schiefer drohte herunterzufallen, da die alten, handgeschmiedeten Schiefernägel stark verrostet und die Nagelkuppen fast nicht mehr vorhanden waren. Außerdem musste der Fachwerkgiebel für die neue Nutzung statisch saniert und gedämmt werden. Die schwierige Aufgabe bestand darin, die Schiefereindeckung verformungsgerecht zu erfassen und dies zu dokumentieren. Danach waren die alten Schiefer vorsichtig und systematisch abzunehmen, für einen längeren Zeitraum sicher zu lagern und nach der Sanierung der Giebelkonstruktion „originalgetreu“ wieder einzudecken.
Die Schiefer wurden, nachdem sie alle mit weißer Kreide durchnummeriert waren, von oben beginnend vorsichtig mit flachen Spezialeisen aufgenommen und systematisch in Kisten gelagert.
Nun wurde die Ornamentik des Giebels, die nur noch schwach und teilweise nur in den Umrissen erkennbar war, dokumentarisch auf Transparentpapier erfasst. Im Anschluss mussten die Ornamente überarbeitet werden, da sich diese beim Aufbringen auf den Schiefer verziehen. Fehlstellen wurden ergänzt. Aus den rekonstruierten Ornamenten wurden Schablonen hergestellt. Die Positive dienen dazu, die Elemente mit einer Reißnadel auf den Schiefer zu übertragen.
Mit den Negativen wurden in Familienarbeit die Ornamente aus dem Stanniol ausgeschnitten und symbolweise abgelegt und aufgehoben. Diese Vorleistungen erfolgten „wie früher“ in Heimarbeit innerhalb der Familie.
Dann wurden bei entsprechender Witterung die Ornamente am Schiefergiebel mit einer Reißnadel bzw. mit einer spitzen Nadel in die Schiefer geritzt. Anhand von Musterflächen wurde ausprobiert, welches Anlegeöl für die Ausführung der Arbeiten mit Stanniol geeignet ist. Stanniol ist von seiner Stärke her vergleichbar mit Alufolie, jedoch flexibler, sodass eine hohe Klebekraft erforderlich ist.
Anlegeöl (Mixtion) ist ein Leinölfirnis, welches vor dem Bekleben mit Stanniol voroxidieren sollte. Zur Ausführung der Arbeiten haben wir uns für eine 3 Stunden Mixtion entschieden. Die geritzten Ornamente wurden mit dem Anlegeöl vorgelegt. Nach der entsprechenden Trockenzeit mit Stanniol beklebt und mit einem Pinsel „angetupft“.
Bei diesen Arbeiten mussten die Schieferüberlappungen berücksichtigt und entsprechend gesichert werden. Die Stanniolarbeiten wurden dann witterungsbedingt im Frühjahr ausgeführt und innerhalb von 4 Tagen abgeschlossen.
Beeindruckend ist die Aussagekraft, die Klarheit der Linien und das Gesamtbild dieses wunderschönen Giebels.
So könnte in Thurnau ein Blickfang für die Besucher und für die Einwohner entstehen.
Thurnau im Juni 2026
Andreas Mätzold